Tischtennis Weltmeisterschaft in Budapest 2019 – Tag 2

By 23. April 2019Allgemein
Tischtennis WM Budapest 2019 Tag 2 Timo Boll, Dimitrij Ovtcharov

Old but gold

Miss Gewo und Ungarn tobt – Leonie Hartbrich

Truls-du-musst-mehr-tun-Moregard

Die Chinesen starten bei der Tischtennis Weltmeisterschaft durch

Mixed-Zone – was sonst niemand mitbekommt

Jetzt geht´s aber los – DAY 2

Der zweite Tag ging gleich mit einem echten Kracher los. Michael Maze ist hier immer noch ein absoluter Superstar hier in Budapest. Die Menschen und Fotografen drängen sich um ihn. Leider war er länger verletzt. Am Freitag in der Trainingshalle meinte er schon, dass er nicht fit ist und nicht genau weiß, wie gutes Tischtennis er spielen kann. Am heutigen Tag sollte also der Härtetest gegen das serbische Urgestein Karakasevic folgen. Und die Partie war gleich morgens und sowas von spannend. Man merkte, dass die Spiele am ersten Tag der WM meistens doch recht deutlich waren, weil es 80 zumeist dreier Gruppen gab und immer 1 gegen 3 und 2 gegen 3 gespielt hat. Am zweiten Tag nun sollte es zum Showdown in vielen Gruppen kommen – nämlich Gruppenkopf gegen die Nummer 2 der Gruppe. So war es auch in der Gruppe von Micheal Maze und Karakasevic.

King Kara

Karakasevic, der auch King Kara genannt wird, spielt wie ich in der Regionalliga, allerdings beim TSV Kuppingen in Baden-Würtenberg und verliert dort nicht viel. Der Senior ist 1975 geboren. Wer schnell rechnet kommt auf 43 Jahre. Der Pizarro des Tischtennis sozusagen. Und genau dieser Oldie spielt gegen einen anderen Pizarro – Michael Maze mit seinen 37 Jahren. Alter scheint heute also keine Rolle zu spielen. Und wenn morgen Vladimir Samsonov und Timo Boll ins Geschehen eingreifen, werden die Oldies alles dafür tun, um den jungen Wilden Einhalt zu gebieten. Doch zurück zu dem Tisch, an dem es heute brechend voll war. King Kara, der Block-König mit einer unfassbaren Antizipation, gegen den immer wieder angreifenden Michael Maze.

Eine Augenweide für die Zuschauer

Das Spiel war sehr sehenswert und die Zuschauer haben getobt. Endlich Tischtennis Weltmeisterschaft – endlich geht´s so richtig los. Lange Rallies, Maze immer wieder am ziehen und King Kara sicher wie die Bank von England. Es war an Drama fast nicht mehr zu überbieten, als sich der Serbe nach 0:2 den dritten Satz 16:14 geholt hat und verlor den vierten wieder 8:11. Somit stand es 3:1 für Michael Maze und alle dachten, dass der Däne das Ding schon schaukeln wird. Denkste! King Kara blockte und blockte und brachte Maze zur Verzweiflung.

Fulminante Ballwechsel, Schweiß und Kämpfen bis zum Umfallen

Das Spiel hatte wirklich alles zu bieten. Karakasevic erkämpfte sich den fünften Satz mit 12:10 und auch den sechsten mit 11:9. Damit hieß es siebter und entscheidender Satz, wer in die Hauptrunde einzieht. Maze war zu diesem Zeitpunkt leider schon durch und konnte dem Serben keine Paroli mehr bieten. Die Bälle wurden links und rechts weit in die Ecken geblockt und ihm fehlte am Ende einfach die Kraft und die Power – 11:2 für King Kara.

Jetzt geht es gegen Ma Long

Das Spiel werde ich mir auf jeden Fall morgen anschauen. Es wird zwar vermutlich eine ziemliche Packung geben, aber wer weiß, vielleicht erblockt sich King Kara ja ein oder zwei Sätze. Schade für Michael Maze, der unbedingt ins Hauptfeld einziehen und an seine großen Erfolge der vergangen Jahre anknüpfen wollte.

Truls Moregard – das Talent, aber reicht das?

Der Junge hat Talent ohne Ende, aber nach 30 Minuten Ballonabwehrtraining am Freitag habe ich mich schon gefragt, wie viel Verspieltheit mit dabei ist und ob er wirklich immer alles aus sich rausholt. Eine Lockerheit ist auf jeden Fall wichtig. Das sieht man bei den Japanern und auch bei den Deutschen. Aber die geben halt auch im freien Training kurz vor der WM Vollgas. Truls Moregard hat das auch getan, aber zu den Top-Spielern war da schon ein Unterschied zu sehen.

Der Schock

Ich dachte irgendwann, dass ich nicht richtig gucke bei seinem Spiel gegen den Kubaner Jorge Campos. Er führte zwar 2:0, aber diese Sätze waren alles andere als sicher und eher geklaut. Campos machte immer mehr Druck und zog und spielte super Tischtennis. Truls Moregard hingegen lamentierte mit Netzbällen und war viel zu passiv im Spiel. Seine Körpersprache war unterirdisch und er ließ ziemlich den Kopf hängen. Campos verkürzte auf 2:2

Da Stand es plötzlich 3:8 und 2:2 gegen Truls Moregard

Und dann war der Satz auch gleich verloren. Truls Moregard mit der Auslosung nicht im Hauptfeld? Die Quoten vor dem Spiel waren bei Truls Moregard 1,10 und bei Campos 6,50. Das sagt eigentlich schon alles und trotzdem stand es 2:3 und man hatte das Gefühl, dass das Ding auch sehr gut weggehen könnte.

Schafft es Truls Moregard nicht ins Hauptfeld?

Er wurschtelte sich iirgendwie durch den sechsten Satz und im siebten Satz bei 8:5 zeigte er, was in ihm steckt. Vorhand-Gegenziehen, 4x Ballonabwehr, einen Vorhand-Gegenschuss und dann noch einen riesen Vorhand-Schwinger hinterher. Das wollen wir sehen. Endlich explodiert Moregard und ließ all seine Emotionen freien Lauf. Beide Arme wurden helikopterartig herumgekurbelt um die tosende Menge weiter anzupeitschen. Das wollen wir sehen. Da war klar, dass der Bann nun endgültig gebrochen ist. 4:3 für Truls Moregard – das war ein ganz schön knappes Höschen, mein Lieber. Hoffentlich nimmt er die Power mit in das erste Hauptrundenspiel. Der Truls ist nämlich neben dem Tisch ein ziemlich lustiger Typ und meinte am Freitag zu mit, als ich diesen Ball hier von ihm aufgenommen habe:

„Instagram!
You need to send it to me!“

Das habe ich natürlich gemacht aber man sieht auch hier, dass doch der ein oder andere Kunstballwechsel mit dabei war. Weiter machen heißt es jetzt und nicht den Kopf hängen lassen, sondern dynamisch und aggressiv bei den Rückschlägen und im Angriffsspiel sein. Das hat sein Coach Jörgen Persson im so oder so ähnlich bestimmt während und auch nach dem Spiel mitgeben.

Leonie Hartbrich – ganz Ungarn steht kopf

Leonie ist super sympathisch und wird von Gewo unterstützt und gesponsert. Sie ist halb Deutsche halb Ungarin und das Publikum steht natürlich Kopf, wenn sie an den Start geht. Sie hatte eine harten Fight bis zum 3:3 und gewann dann aber doch recht deutlich nach 10:3 11:7 im fünften Satz. Glückwunsch, Leonie!

Wer verbeugt sich vor wem?

Harimoto kam nach seinem gewonnenen Doppel aus der Box und die japanischen Fans jubelten. Es waren ungefähr 30 – also noch überschaubar. Was macht Harimoto als Erstes? Er geht in Richtung Fans und verbeugt sich erstmal, als würde er gerade der Queen “Hallo” sagen. Jubel bei den Fans. Gleiches geschah auch, als er in die Mixed-Zone eintritt.

Mixed-Zone Action mit Harimoto

Harimoto beim Interview

Es warteten ungefähr 40 Leute auf ihn und seinen Doppelpartner Kizukuri Yuto. Ihr müsstet eigentlich mal sehen, wie höflich, zuvorkommend und respektvoll er mit Leuten umgeht, wo andere Spieler in der Mixed-Zone einfach kurz für die Kamera lächeln, wenn sie läuft und wenn sie zum nächsten Reporter weitergehen das Lächeln auch ganz schnell wieder verlieren. Das ist ja auch in Ordnung, schließlich ist es direkt nach dem Match und das kann schon nervig sein. Harimoto möchte gerne, dass alle glücklich sind und ist sich hier am verbeugen und dort am verbeugen. Immer nett, mal ein Lachen hier, mal ein Lachen dort. Sehr sympathisch. Ich habe mich auch kurz mit seinem Doppel-Coach und Vater unterhalten. Er ist begeistert, wie super Harimoto mit dem ganzen Druck und den Medien umgeht und ist sehr stolz. Das kann er auch sein, auch wenn Harimoto natürlich wieder am Tisch “Tschoooooallleee” gerufen hat und ein paar Raketen gezündet hat. Hier lest ihr übrigens mehr über das Wunderkind Harimoto.

Apropos Raketen:

Xu Xin und Liu Shiwen vs. Mladenovic und Ni Xia Lian.

Es war schon fantastisch und ernüchternd zugleich zu sehen. Wenn die Luxemburger mal eine Rakete abgefeuert hatten, kam eine Rakete postwendend zurück. Was gegen andere ein sicherer Punkt ist, wird sowohl von Xu Xin als auch von Liu Shiwen so pariert, dass man mindestens vor der gleichen Herausforderung steht, die man eigentlich denen stellen wollte. Interessant waren auch die Gesichter, wenn die beiden Luxemburger ein bisschen aus heiterem Himmel nochmal nachlegen konnten und das dann Team China wieder mit harten Schlägen beantworteten. Es war ein Mix aus Sprachlosigkeit und Anerkennung. Das ist schon ziemlich brutal gewesen zu sehen. Die beiden Chinesen hatten immer eine Antwort auf das, was da kam und ballerten die Plastikkugel einfach mit noch höherem Tempo zurück. Wie eine Walze, die einfach nicht interessiert, was da vor ihr liegt panierten die Chinesen den Anti-Spieler Mladenovic und Ni Xia Lian.

Probleme

Am Nachbartisch in der wunderschönen Halle stande sich Fan Zhendong und Ding Ning einer wirklichen Herausforderung gegenüber. Die Hong Kong Chinesen Wong Chun Ting und seine Mixed-Partnerin XXX waren der erste wirkliche Prüfstein für die beiden. Das Match war eng umkämpft und bei 2:0 für Fan Zhendong und Ding Ning kamen die Psychospiele der Chinesen. Ab 9:9 und der Verlängerung und obwohl die Hong Kong Chinesen bereit waren und runtergegangen sind zum Aufschlag, hebten sowohl Ding Ning, als auch Fan Zhendong die Hand. Warten bitte, wir sind noch nicht soweit. Genau.

Rhythmus zerstören

Was manche machen, weil sie sich wirklich mal sammeln wollen, nutzen die beiden vor jedem Rückschlag als taktisches Mittel. Damit stört man den Aufschlagrhythmus des Gegners und die müssen quasi immer noch einmal hochgucken und kurz verharren. Der Satz ging am Ende trotz zahlreicher Satzbälle für die Wong und Doo weg und nachdem sie den zweiten Satz auch bitter nach 9:9 verloren haben, ist ein 0:3 gegen China fast nicht mehr aufzuholen. Das merkte man auch im vierten Satz: 5:11 und 4:0 für Team China. Geht einer oder vielleicht beide Sätze davor weg, sieht das ganze plötzlich anders aus. Weil wirklich performt haben Fan Zhendong und Ding Ning nicht. Aber ihr wisst ja, wie das mit guten Pferden ist – die Springen immer nur so hoch wie sie müssen.

Und die Deutschen?

Die behielten zwar nicht ihre weiße Weste wie am Vortag, aber man kann trotzdem mit der Leistung zufrieden sein. Zehn der zwölf Spiele konnten gewonnen werden. Einzig das Doppel Steger/Qiu gegen Groth/Pitchford und das Mixed Qiu/Mittelham gegen Pistej/Balazova gingen mit 2:4 leider verloren. Boll und Franziska mussten sich im Doppel gegen Aruna Quadri und Omotayo Olajide ganz schön strecken. Sie lagen 1:2 zurück und die von Gewo gesponserten Nigerianer zeigten, was alles in ihnen steckt. Am Ende konnten Boll und Franz das Ruder aber doch noch rumreißen.

Ab morgen wird es ernst

Morgen beginnt die Hauptrunde und viele Deutsche starten erst jetzt. Man darf gespannt sein, gerade auf das Spiel von Dang Qiu, der mit Lin Yun-Ju eine schwere Aufgabe vor sich hat. Hoffentlich schafft auch Sabine Winter ihr erstrunden Match und auch Kristin Lang und Nina Mittelham. Heiß könnte auch die Partie zwischen Bastian Steger und Tomislav Pucar aus Kroatien werden. Franz, Dima und Timo sollte eigentlich noch keine großen Probleme haben. Aber das wird man sehen.

Grüße aus Budapest!

Soweit aus dem Media-Center hier bei der Tischtennis Weltmeisterschaft in Budapest!

Bis morgen ihr Lieben,

Simon

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