Der Damenbereich im Hamburger Tischtennis – ein roher Diamant?

By 20. August 2019Allgemein

Wenn man Berichte über Meisterschaften liest oder auf die Webseiten der Vereine schaut, könnte man schnell den Eindruck bekommen, dass die weibliche Seite unseres Sports ein Schattendasein fristet. Der folgende Bericht soll der ganzen Sache mal auf den Grund gehen…

Weniger Ligen, Weniger Frauen

Rein nüchtern betrachtet, zeigt die TT-Maximus Seite als Aushängeschild für Hamburg schon ein starkes Ungleichgewicht zugunsten der Herren. Denn während es bei den Herren möglich ist die ganze Palette von 4. Kreisliga bis Hamburg-Liga (Verbandsliga) mitzunehmen, startet es bei den Damen erst bei der 1. Kreisliga und geht bis zur besagten Verbandsliga. Jedoch sind es nicht nur weniger Klassifizierungen zwischen den Ligen (Kreis Bezirk, Landes, Verbandsliga), sondern es existieren auch weniger Parallelstaffeln. Bei den Herren gibt es sage und schreibe 4 Parallelstaffeln, jeweils in der 2. Bezirks- sowie in der 1. Bezirksliga. Im großen Kontrast dazu steht der Damenbereich, wo es lediglich zwei Staffeln für die 2. Bezirks- und nur eine Staffel für die 1.Bezirksliga gibt.

Die Mannschafts- und Staffelgrößen

Nicht nur allein in der Anzahl der Staffeln zeigt sich der unglaubliche Spielerunterschied, sondern in den Ligen selbst wird einen die Diskrepanz offenbart. Tatsächlich wird nicht nur jede Liga mit 1-2 Mannschaften weniger gefüllt als die Herren, sondern jede Damenmannschaft spielt schon bereits ab den Kreisligen nur mit 4 Spielerinnen anstatt 6, während die Herren ununterbrochen bis zu den Bundesligen mit 6 Spielern antreten.

Landesliga der Vergleich

Das bedeutet in reinen Zahlen: Eine erste Landesliga der Herren kommt durchschnittlich auf 72 Spieler, während es bei den Damen in der gleichen Liga nur 40 Spielerinnen sind! Auffällig ist auch hier, dass die Ligen zwar den gleichen Namen haben, doch betrachtet man die Werte der jeweiligen Spieler/innen erkennt man, dass hier sehr wohl Niveauunterschiede bestehen trotz der gleichen Namensgabe. Durchschnittlich hat ein Herrenspieler im oberen Paarkreuz 1801,3 Punkte (24 Spieler als Maßgabe), im Gegensatz dazu hat bei den Damen eine Spielerin im oberen Paarkreuz im Durchschnitt vergleichsweise nur 1441,95 Punkte (20 Spielerinnen als Maßgabe). Dies bedeutet, dass mehr als 350 Punkte diese Paarkreuze im direkten Kräftemessen trennen.

Warum erzählst du uns das?

Klar, diese Fakten sind lange bekannt und somit erfinde ich das Rad nicht neu, dennoch glaube ich dass die Wahrnehmung dieser Unterschiede zu falschen Annahmen führt. Ich denke es ist fatal, wenn man allein aufgrund des QTTR Wertes und den Ligen den Damenbereich grundlegend schwächer einschätzt und deshalb ihnen weniger Aufmerksamkeit schenkt. Dennoch zeigt sich das meines Erachtens besonders auf lokaler Ebene sehr häufig. Denn statt zu erkennen, dass gerade der Mangel an weiblichen Spielerinnen zu den gravierenden Unterschieden führt, wird stets hervorgehoben, wie man denn eine Leistung im Damenbereich nun wirklich bewerten soll, wenn man mit knapp 1450 Punkten ein gutes Landesliganiveau bei den Damen mitbringt und bei den Herren mit dem exakten Wert lediglich in der 2. Bezirksliga im unteren Paarkreuz spielen würde. Dabei hat gerade der Tischtennisbereich der Damen in Hamburg eine Menge zu bieten.

Die Vielfalt von Spielsystemen

Tatsächlich bin ich der Meinung, dass rein von dem Blickwinkel auf die unterschiedlichen Spielsysteme, der Damenbereich dem Herrenbereich voraus ist. Gerade im Damenbereich findet man von der typischen Block-Konter Spielerin, bis zu der gnadenlosen Vorhandtopspin Spielerin alle nur vorstellbaren Zwischenstufen und Spielsysteme. Auffällig ist die Fülle an Material, dessen rege Verwendung sich sogar hochzieht bis in den Profibereich. Beispiel hierfür wäre die sehr erfolgreiche Mima Ito, über die ihr mehr lesen könnt in dem Artikel: „Matthias Falck. Ebnet der Plastikball den Weg für die kurze Noppe?“ Persönlich denke ich, dass gerade diese Abwechslung in unseren Sport den Damenbereich potentiell attraktiv macht für Zuschauer. Jedoch sind nicht nur die Spielweisen etwas fürs Auge, denn die Spitzenspierinnen der Hansestadt verzeichnen auch extrem starke sportliche Erfolge:

Überregional stark vertreten

Die schiere Anzahl von Damenmannschaften aus Hamburg, welche in den überregionalen Ligen antreten ist tatsächlich beachtlich. Zur kommenden Saison spielen drei Damenmannschaften in der Verbandsoberliga (St. Pauli, GW Harburg und Urania Bramfeld II), vier Mannschaften in der Oberliga (Niendorfer TSV, Urania Bramfeld, SC Poppenbüttel II und Sc Poppenbüttel III), eine Mannschaft in der Regionalliga(Germania Schnelsen) und sogar eine Mannschaft in der 3.Bundesliga(SC Poppenbüttel). Einige dieser Mannschaften möchte ich euch hier noch einmal vorstellen.

St. Pauli

Huch? Wird wohl der eine oder andere jetzt sagen. Wieso interessiert sich Cedric so sehr für eine Mannschaft, welche sich gerade so im unteren bis mittleren Bereich der Verbandsoberliga halten konnte. Nun ja, einerseits ist die Stimmung in dieser Mannschaft und allgemein beim FC St. Pauli einmalig (Jeder der die Chance hat beim alljährlichen Kiez-Cup teilzunehmen sollte dies tun!) und andererseits ist vor allem die Nummer Eins der Mannschaft: Mengchi Wang, einen Besuch auf dem Kiez wert. Mit ihren kompromisslosen Angriffsspiel und starken, kurzen Noppenspiel dominierte sie die Liga in der letzten Saison im Alleingang. Damit führte sie fort, was sie bereits 2016/2017 begonnen hatte. Denn bereits in der Landesliga gab sie kein Spiel ab und auch  nach dem Aufstieg in die Hamburg Liga setzte sie diesen Trend fort. In der letzten Saison schließlich spielte sie eine atemberaubende 29:0 Bilanz. Und wer meint, tja bei den Damen gibt’s ja keine Konkurrenz, Mengchi gewann auch alle ihre Spiele bei den Einsätzen in der 1. Landesliga der Herren.

1. Damen der  TTSG Urania Bramfeld

Was für eine Saison für die 1. Damen der TTSG Urania Bramfeld. Nachdem eigentlich alles nach einem überzeugenden Aufstieg in der Hinserie aussah (20:0 Punkte), wollte es in der Rückrunde nicht ganz so klappen. Umso besser, dass es am Ende doch funktioniert hat, denn diese Damen sind ein solides Team, welches nirgendwo eine wirklich erkennbare Schwäche aufzeigt. Gerade das obere Paarkreuz mit Michaela Bruchlos und Maike Teuber, wusste zu überzeugen und letztere zeigte auch bei der letzten HEM eine tolle Form. Verstärkt wird die Mannschaft durch die neue Nr. 1. Jessica Boy aus Oldenburg. Wir dürfen gespannt sein, was alles in der Oberliga mit dieser Mannschaft möglich ist!

Tus Germania Schnelsen

Die Damenmannschaft des TUS Germania Schnelsen ist schon ein Veteran in der Regionalliga. Auch wenn die bisherigen Saisons nicht unbedingt die erfolgreichsten waren, sollte gerade dieses Jahr das Augenmerk besonders auf dieser Mannschaft liegen. Denn Schnelsens erneute Nr.1 Amrutha Pushpak ist eine der besten Spielerinnen in der Liga überhaupt und verlor in der letzten Saison nur ein Einzel. Zusätzlich kehrt aus Düsseldorf dann Elena Uludintceva zurück, die auch in der Vergangenheit schon hochpositive Bilanzen spielte. Des Weiteren wird das Team verstärkt durch Jana Fernholz, welche Oberligaerfahrungen von dem SV Friedrichsgabe mitbringt. Im unteren Teil der Mannschaft sitzt dann der harte und bewährte Kern mit Thanh Viet Tran, Daniela Henning und Jule Gez. Fraglich ist nun natürlich, wie oft die einzelnen Spielerinnen wirklich zum Einsatz kommen, aber rein auf dem Papier sieht die Mannschaft fähig aus, in die 3. Liga aufzusteigen.

SC Poppenbüttel

Das Beste kommt bekanntlich zum Schluss. Sie haben es geschafft! Der Aufstieg in die 3. Liga ist schon etwas Besonderes und beim momentanen Stand sind sie seit langem die einzige  Hamburger Mannschaft überhaupt, welche etwas Bundesligaluft schnuppern darf. Dennoch muss man nicht illusorisch sein, die 3. Liga zu halten wird ein sehr schweres Unterfangen. Doch die Mannschaft vom SC Poppenbüttel konnte sich sehr starke Verstärkung holen, in dem sie die Spielerin Galila Nasser vom HSV verpflichtete. Für jene unter euch, die ihren Namen noch nicht gehört haben, es handelt sich hierbei um eine ehemalige ägyptische Nationalspielerin, welche in der letzten Saison beim HSV bei den Herren in der 2. Landesliga aufgeschlagen hat. Ich hatte das Vergnügen sie live spielen zu sehen, da sie in unserer Staffel war und ich muss schon sagen, sie spielt schon auf einem sehr hohen Level.  Repräsentativ für ihr Niveau ist auch ihre makellose Bilanz: In der ganzen Serie verlor sie im oberen Paarkreuz lediglich ein Spiel. Zusammen mit der mehrfachen Olympiateilnehmerin Olufunke  Oshonaike, der Verbandstrainerin Jasmin Kersten und dem Spitzentalent Anna Tietgens wollen sie nun das Projekt 3 Liga in Fahrt bringen. Ich bin sehr gespannt was wir von den Damen erwarten können und werde bestimmt auch selber den einen oder anderen Abstecher in die Halle machen, um mir das Spektakel anzuschauen.

Unterstützung wird gebraucht

Also ihr Lieben, stürmt in die Hallen, denn die Damen wären bestimmt für jeden Zuschauer überaus dankbar!

Cedric Thornton

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